Philosophie,
Kritik, Theater, Romane
Neben der Encyclopédie hatte
Diderot immer auch andere Werke in Arbeit. Schon 1746 hatte er
im Anschluss an die Shaftesbury-Übersetzung seine Pensées
philosophiques („Philosophische Überlegungen“) publiziert,
worin er erstmals materialistische und atheistische
Vorstellungen vertrat. 1748 veröffentlichte er einen erotischen
Roman,
Les bijoux indiscrets („Die geschwätzigen Kleinode“), der
ein Skandalerfolg wurde und in den Literaturgeschichten für
Schüler und Studenten oft unerwähnt bleibt. 1749 saß er einige
Monate in Haft wegen der philosophischen Schrift Lettre sur
les aveugles („Brief über die Blinden“), worin er ausgehend
von der These, dass ein blind Geborener keine Möglichkeit habe,
die Existenz Gottes zu erdenken, diese Existenz überhaupt
bezweifelt. 1751 propagierte er mit dem Lettre sur les sourds
et muets („Brief über die Taubstummen“) die ästhetische
Gleichberechtigung mittels Einfühlung in eine Behinderung. Im
gleichen Jahr wurde Diderot neben d'Alembert in die
Berliner Akademie der Wissenschaften als Mitglied
aufgenommen.
In den Jahren hiernach beschäftigte
Diderot sich mit
Kunstgeschichte sowie den Techniken der
Malerei und wurde einer der ersten professionellen
Kunstkritiker mit den Artikeln, die er für die
Zeitschrift Correspondance littéraire seines Freundes
Melchior Grimm über Pariser
Kunstausstellungen (Salons) verfasste. Da die Bilder noch
nicht reproduzierbar waren und sich nur wenige der über ganz
Europa verteilten Leser den Ausstellungsbesuch leisten konnten,
musste die Kritik ihnen die Kunst vertreten.
Als Naturwissenschaftler betätigte
Diderot sich in den Pensées sur l'interprétation de la nature
(„Überlegungen zur Deutung der Natur“, 1754), einem Plädoyer für
das Prinzip des
Experiments und gegen die oft nur pseudo-rationalen
Naturerklärungen der Cartésiens, d.h. der
rationalistischen Denker im Gefolge von
René Descartes.
Daneben schrieb Diderot die
Theaterstücke Le Fils naturel („Der natürliche Sohn“,
1757) und Le Père de famille („Der Familienvater“, 1758)
sowie theatertheoretische Abhandlungen (De la poésie
dramatique, „Über die dramatische Dichtung“, 1758), womit er
in Theorie und Praxis die neue Gattung des drame bourgeois
(„bürgerliches
Trauerspiel“) in Opposition zur aristokratischen
Tragödie begründete. Der Dialog Le paradoxe sur le
comédien („Paradox über den Schauspieler“, 1773), wo er
unter anderem nochmals behandelte, was er in "observations sur
Garrick, ou les acteurs anglais" (Beobachtungen über Garrick-
oder die englischen Schauspieler, 1770) ausführte; dass nicht
der empfindsame Schauspieler, sondern der kaltblütige die
Gemüter bewege, hatte Einfluss auf die
Theatertheorie bis hin zu
Bertolt Brecht, der daraus seine Theorien der
Distanziertheit und des Sichtbarmachens formulierte. Das Paradox
des Schauspielers auf der Bühne wird auch bei
Stanislawski eine wichtige Rolle spielen. Diderot
formulierte, dass auf der Bühne neben der Privatperson und der
Bühnenfigur auch der Künstler und das modelle ideale
(künstlerische Idealvorstellung) existieren und betont, dass die
affektive Ebene des Schauspielers von der Kunst zu trennen ist.
Zugleich arbeitete Diderot an Romanen
und
Erzählungen, die rückblickend erstaunlich modern wirken und
meist erst postum erschienen sind. So verfasste er 1760/61 den
kirchenkritischen und zugleich empfindsamen Roman La
Religieuse („Die Nonne“), der den Leidensweg einer
unfreiwilligen Nonne beschreibt und heute wohl sein
meistgelesenstes (und verfilmtes) Werk ist (gedruckt erst 1796).
Von 1760 bis etwa 1764 schrieb er den experimentellen Roman
Le Neuveu de Rameau („Rameaus Neffe“; erstmals gedruckt in
Goethes deutscher Übersetzung 1805, in einer französischen
Rückübersetzung 1821, im endlich wiederentdeckten Originaltext
erst 1891). 1773 stellte er den Roman Jacques le Fataliste
(„Jacques der Fatalist“) fertig (gedruckt erst 1796). Das
Verhältnis zwischen dem aktiven, aber dennoch im festem Glauben
an die
Determiniertheit aller Ereignisse befangenen Knecht Jacques
und seinem lethargischen und passiven Herrn, der den Standpunkt
der
Willensfreiheit vertritt, inspirierte
Hegel
zu seiner in
Phänomenologie des Geistes entfalteten
Dialektik von
Herrschaft und Knechtschaft, ebenso wie ihn der zwiespältige
Held des Neveu de Rameau zur Unterscheidung von „Ansichsein“
und „Fürsichsein“ anregte.
In Diderots unveröffentlichten
Schriften mit
satirischer Tendenz zeigen sich deutliche Zweifel am
optimistischen, aufklärerischen Weltbild, das er mit der
Encyclopédie öffentlich vertreten musste. Sein anfänglicher
Freund und späterer Widersacher
Jean-Jacques Rousseau warf Diderot vor, dass er ihn vom
Optimismus abgebracht habe.
Privatleben
Neben der unermüdlichen Arbeit führte
Diderot ein reges gesellschaftliches Leben in Kreisen der
philosophes, d.h. der kritisch eingestellten Pariser
Intellektuellen (Condillac,
Turgot,
Helvétius,
d'Holbach usw.), aber auch in einigen adeligen Salons. Seit
1755 stand er in einem regen „empfindsamen“ Briefwechsel mit der
hochgebildeten
Sophie Volland.
So wie Voltaire, war auch Diderot auf
der Suche nach dem aufgeklärten Monarchen. Er fand ihn in der
aus Deutschland stammenden russischen Zarin
Katharina, die ihm 1765 pro forma seine Bibliothek abkaufte,
ihn generös als Bibliothekar besoldete sowie mit Geld für
Neuanschaffungen ausstattete und ihn 1773 einige Monate am Hof
von
Sankt Petersburg verwöhnte, wohin nach seinem Tod 1784 denn
auch die Bibliothek verfrachtet wurde.
Diderot fand zwar rege Unterstützung im
Kreise der Freimaurer, dass er selbst Freimaurer war, ist jedoch
nicht nachgewiesen.
Er wurde in der Kirche
Saint-Roch in Paris bestattet.